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„WIE DAS WEIZENKORN“

Es näherte sich das Fest unserer Lieben Frau vom Berge Karmel. Da zeigte sich, welch große, welch gute und erbarmungsvolle Mutter wir in Maria haben. Sie versprach ihren Schutz - und hielt bis heute ihr, obwohl einer vielfach sündhaften Person gegebenes, Versprechen. In der Festoktav gedenkt man am 20. Juli des Todestages des glorreichen heiligen Vaters Josef, ein Tag, an dem ich vor etwa sechs Jahren auf eine besondere Weise zu einem Leben der Entsagung und des Eifers und zugleich zum Karmel geführt wurde. Nach einiger Zeit erfuhr ich, dass der Todestag meines Lieblingsheiligen mich zum geistlichen Leben erweckte. Nun, im Karmel angekommen,durfte ich auch noch erfahren, dass dieser 20. Juli der erste Berufungstag zu den Höhen des Karmel, das Fest des Erzvaters dieses Ordens sei. Ohne dass ich es wohl recht wollte, trat ich in eine geistige Verbindung mit diesem Heiligen. Doch steht es ganz Ihrem besseren Erkennen zu, mein ehrwürdiger Vater, dieses und alles andere als unwichtig zu erachten. Der heilige Elias war mir geistig nahe. Er sprach seine Freude aus, dass ich seine Tochter sei, und bat mich , ihn aufzunehmen. Ich befand mich in grosser Verlegenheit, ich wusste nicht, wie ich solches bewerkstelligen könnte. Da wurde es Licht in mir und ich hörte die Worte: „Freilich kannst du ihn aufnehmen, du hast ja deine übrigen Patrone auch in dein Inneres aufgenommen“. Ich hatte alsdann das Gefühl, den heiligen Elias in mich aufgenommen zu haben. Vor meine Seele traten die Schriftworte: „Wer einen Propheten aufnimmt, wird den Lohn eines Propheten empfangen.“

Unter anderem, was sich vo dieser Begebenheit bleibend in meiner Seele eingeschrieben hat, ist dieses: „Bitte um nichts, als um Demut; das Übrige wird dir gegeben werden, wenn du es nötig hast.“ Und es ist wahr: wenn ich heftig gegen eine Tugend oder gegen eine Persönlichkeit in Versuchung gerate, nach einer einzigen diesbezüglich empfangenen heiligen Kommunion, bin ich oft ganz befreit von der Versuchung. Oder wenn ich gegen dieselbe nur oberflächlich ankämpfte, und sie deshalb zum Fehler und  zur Sünde wurde – wie Sie es ja die letzte Zeit Ihnen, mein Vater, gegenüber sahen – fühle ich, sobald ich meinen Fehltritt einsehe, ihn bereue, mich deshalb demütige und vertrauensvoll den Leib des Herrn empfange, wie auch die letzte Faser dieses Fehlers oder der Versuchung sich in der Gegenwart des sakramentalen Gottes verliert.

Bevor das Fest des Heiligen Johannes des Täufers in eben demselben Jahr näher kam, wurde ich aufgefordert, auch diesen Heiligen zu meinem besonderen Patron zu erwählen. Ich war dieser Aufforderung nicht sehr zugänglich, und deshalb kam wohl auch die Frage: „Warum soll ich dieses tun? Darauf glaubte ich zu hören: „Um dem Herrn Wege zubereiten.“ Wahrscheinlich sollte mir dieser Heilige darin Unterweisung geben - Er, der es so gut verstand, dem Herrn Wege zu bereiten. Ohne dass der Beichtvater von diesem Vorgang etwas wusste, legte er bald darauf in einer Ermahnung die große Heiligkeit des heiligen Johannes des Täufers dar. Ich konnte nun zweifach befriedigt sein.

Ich gehe jetzt zurück zum Fest des heiligen.Elias. Bald danach trat jenes besondere Verhältnis zum heiligen Vater Franziskus ein, hergestellt, ohne dass es vorher durch etwas anderes genährt worden wäre als durch meine Armutsliebe, die meine fromme Meisterin mit so viel Trost an mir wahrnahm. Das Übrige teilte ihnen Hochwürden P. Bonaventura mit. Etwa einige Wochen später betete ich vormittags im Chor, und ich sah, was mir bisher fremd war, im Geiste vor mir zwei Berge sich erheben. Diese beiden Berge hatten in gewöhnlicher Strassenbreite in gleicher Linie gestanden. Der zur Rechten sich erhebende Berg war höher als der andere und hatte so etwas wie Abstufungen, und ich glaubte, dass ich auf seiner Höhe in eher unbestimmter Gestalt den heiligen Elias und weiter unten ebenso die heilige Theresia gesehen habe. Der andere, nicht so hohe, wahrscheinlich weil nicht so alte Berg hatte auf seiner Spitze den heiligen Franziskus mit dem Kreuz in der Hand. Im einen erkannte ich den Karmel, im anderen den Alverna. Beide Berge wölbten sich zueinander, und zwar wölbte und neigte sich der höhere Berg ungefähr von der Stelle, wo die heilige Theresia stand, dem anderen zu. Ich hatte in mir das Gefühl, dass mich beide Heiligen in der Mitte dieses Berges wie als Abschluss der Wölbung hinaufziehen wollten. Ich widerstand, denn bei solchen Dingen erfasst mich eine solche Furcht, Spielball höllischer Vorspiegelung zu sein, dass der Beichtvater mehr als einmal Mühe hatte, mich deshalb zu beruhigen. Der Zuruf, den ich vor oder nach diesem Bild hatte, und den ich bekam, weil ich nicht begreifen wollte, warum mich der Herr wieder aus den Karmel führen wollte, lautete dahin: „Um das tätige Leben mit dem beschaulichen zu vereinen“  Dies mag Licht in das Gesehene bringen. Der Karmel mag das Gebet, der Alverna die Tätigkeit darstellen. Bei beiden, Gebet und Arbeit, kam es im Lauf der Jahrhunderte zu Auswüchsen, die die Erhabenheit des einen und die Notwendigkeit des anderen vielfach missgestaltet haben. Im einen Orden versteht man vielfach nicht mehr die Gebetsarbeit, im anderen nicht mehr die Arbeit des Gebetes. Gebet und Arbeit sollen in gleichen Linien laufen und als Doppelschwestern an der Hebung des geistigen und sozialen Elends der Menschheit wirkend diese wieder lehren, was „beten und arbeiten“  heißt.

Mein ehrwürdiger Vater! Der Heilige  v Elias steht auf der einen Höhe oder auch die heilige Theresia, die, wenn sie nochmals vom Herrn zur Reformierung gesandt wird, in erster Linie ihre geistlichen Töchter „Gebetsarbeit“ , vielleicht auch „Beten und Arbeiten“ lehrt, was ganz gut mit Klausur und Schweigen zu vereinbaren wäre. Auf der anderen Höhe steht der heilige Franziskus, der Ihr Werk durchdringt. Hätten Sie da nicht heiligen, sogar festen Boden, Felsgrund und Tugendhöhe und ein erhabenes Bollwerk?!

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Mutter Franziska Streitel, Brief 39 an Pater J. F. Jordan

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