Der Ruf in den Karmel

„4. AUGUST 1880, RUF ZUM KARMEL“
In der Marienanstalt in Würzburg verlaufen für Mutter Franziska arbeitsreiche und Tage voll des ständigen Gebets. Es scheint die arbeitsreiche Zeit eines fruchtbaren Reifeprozesses zu sein, die bald den gesamten Verlauf ihrer Existenz verändern würde.
So wird es geschehen. Wenige Monate nach Beginn ihres neuen Amtes in Würzburg erlebte sie während ihrer Arbeit „mit dem erkennbaren Segen des Herrn“ ein ganz besonderes Erlebnis. Eines Nachts, als sie vor dem Tabernakel betet, hörte sie das Läuten der Glocke von Himmelspforten, einem Karmelitinnenkloster drei Kilometer von der Marienanstalt entfernt im Maintal. Gleichzeitig hört sie eine Stimme, die zu ihr sagt: „Geh da hinüber!“. Beunruhigt fragt sie sich: „Wie kann ich das mitten in der Nacht machen?“ Dann, so lesen wir unter den Zeugnissen von Sr. Scholastika Demer, „schien sie plötzlich im Geist im Chor der Karmeliterinnen zu sein, sie schien mit ihnen zu singen und zu beten, und sie hörte die Stimme des hl. Franziskus: „Du musst das aktive Leben mit dem kontemplativen Leben vereinen: Trete in den Karmel ein und bleib dort, bis Du ein weiteres Zeichen empfangen wirst“. Tatsächlich musste der Aufruf zum Karmel später klar und deutlich an sie ergehen, denn in einem ihrer Notizbücher schrieb sie: „4. August 1880, Ruf zum Karmel“.




Die Schwestern von der Schmerzhaften Mutter besuchen den Karmel von Himmelspforten anlässlich eines Fortbildungskurses “Auf den Spuren von Mutter Franziska Streitel“ (2016)
„ICH SEHE MICH IN DER NÄHE DES ZIELS“
Natürlich war es für sie nicht leicht, diesen heiklen Übertritt „zu bewältigen“, einschließlich der Trennung von „Maria Stern“. Wenn sie mit innerer Freude schrieb: „Ich sehe mich dem Ziel vieler Jahre glühender Sehnsucht nahe“, gestand sie gleichzeitig ein, dass sie das Dilemma der Entscheidung in seiner ganzen Tiefe lebte, wie ihre Worte nahelegen: „Wenn ich nicht das volle Bewusstsein gehabt hätte: „Gott ruft dich“ ... hätte ich verzichtet“. Gewiss, für Mutter Franziska stellte der Karmel von Himmelspforten in erster Linie einen Ort für die Seele dar, an dem sie „dem Gott ihres Herzens“ näher kommen kann:
“Ich trat in den Karmel mit der Gesinnung ein, dort dem Herrn in Abgeschiedenheit und im vollkommenen Gehorsam möglichst vollkommen zu dienen. Ich war eine einfache Seele, die aber manchmal auf besondere Weise vom Herrn geführt wurde“. [...] „Ich hatte im Karmel alles, was ich seit Jahren in Gebet und Opfer erfleht hatte, gefunden. Ich hatte ein Noviziat, ich konnte gehorsam sein, ich hatte vielfach Gelegenheit, die zehnjährige Oberin abzustreifen, ich wurde wieder kindlich und kam in enger Form zu dem Gott meines Herzens.“ (Brief an P. Jordan, 31. März 1883).
