


„WIE DAS WEIZENKORN“
"Vor eineinhalb Jahren kam ich in die oben erwähnte Anstalt. Ich fand dort Unordnung jeder Art vor: die finanziellen, die häuslichen und selbst die klösterlichen Verhältnisse waren außer jeder Ordnung. Der gute heilige Josef, seit einigen Jahren mein Führer und mein Vater, musste mir zu jener Zeit viel Gnade von seinem göttlichen Sohn erwirken, denn im Mutterhaus war man alles andere als mir gewogen.
Die oben erwähnte Dame hatte nämlich im Sternkloster direkt um meine Person für die Leitung der Marienanstalt, deren Vorsteherin sie war, gebeten, weil sie in mich das Vertrauen setzte, ich würde mit Gottes Hilfe diese gesunkene Sache heben. Ja, ich sage es Eurer Bischöflichen Gnaden ganz offen, ich hatte sie dazu aufgefordert, weil ich überzeugt war, dass man doch nicht ruhte, bis ich dort wirken würde, und dass dies Gottes Wille sei. Als ich aber erfuhr, dass in einiger Tagen eine andere Oberin in die Anstalt einziehen würde, bat ich diese Dame, abzustehen von dem Gedanken, mich trotzdem in Augsburg anzufordern.
Am Tag darauf ging ich früh auf den Nikolausberg zum Gnadenbild der Schmerzensmutter und dankte dort glühend für die Gnade, nicht in die Marienanstalt gekommen zu sein. Auf dem Heimweg sagte ich immer wieder zu meiner Begleiterin, die mir stets treu im Leid beigestanden war: „Ich bin ganz glücklich!“ ahnte aber nicht, dass am gleichen Tag von den Vorständen beschlossen wurde, dass noch in der Nacht eine Dame nach Augsburg resien und mich für die Anstalt anfordern sollte. Daraufhin war ich allerding in die Anstalt gekomen. Aber welche Flut von Leid und Schmerz, von Härte und Demütigung folgte mir! Man holte meine Verteidigung erst gar nicht ein. Man verurteilte mich, ohne gehört worden zu sein.Von erbarmender Liebe war keine Rede. Gott wollte mich also für eine Sache vorbereiten! Wäre nicht zu jener Zeit die Gnadenhilfe übergroß gewesen, Geist und Körper hätten ihren Untergang gefunden. Mich barg die Heilkraft der Wunden des Herrn. Ich musste und mit der Gnade Gottes konnte ich auch anderen freundlich begegnen und dies alles in einem Haus, das an die hundert Personen jeder Gattung beherbergte, und inmitten eines von Schmerz gesättigten Herzens.
Hochwürdigster Herr Bischof! Da erfuhr ich, was es heißt: „Mit blutendem Herzen unter dem Kreuz zu stehen.“ Seit jener Zeit zieht es mich mächtig zur Kreuzesliebe. Mein ganzes Ringen ging dahin, dass ich jegliche Bitterkeit, die sich im Herzen Bahn brechen wollte, entschieden fernhielt und recht eifirg betete sowie mich inniger als je an den Tabernakel anschloss. Ich wirkte mit sichtbarem Segen Gottes und Dank der göttlichen Hilfe war schon nach einigen Monaten überall Ordnung hergestellt.“
Auszug aus einem Brief an Bischof Pankratius von Dinkel,
Bischof von Augsburg (September 1881)
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