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„WIE DAS WEIZENKORN“

Es war am 4. August 1880. Im April desselben Jahres war ich in die Anstalt gekommen. An diesem Augustmorgen sollte ich eine Sache in der Stadt besorgen. Eine meiner Mitschwestern, die dies bemerkt hatte, sagte zu mir: „Sie könnten ein Stück im Auto mitfahren, denn die Damen des Hauses begeben sich nach Himmelspforten“. Kaum hörte ich das Wort „Himmelspforten“, als Licht und Erkentnis mein ganzes Wesen durchzog. Alles in mir war klar geworden, und in meinem Innern sprach es laut: „Geht und bitte dort um Aufnahme; da will Gott Dich haben!“ Ich fuhr zum Karmelitinnenkloster und suchte den Beichtvater dieser Ordensfrauen, um mit ihm zu sprechen. Diesem Ordensmann trug ich in einfacher Bitte mein Verlangen vor, er führte mich zur Frau Priorin. Es wurde mir versichert, dass ich eintreten dürfe, sobald eine Karmeliterin gestorben sei.

Der gute heilige Josef war es offenbar, der mir zum Ziel meines Verlangens verhalf. Es war, als ob alles schon im Voraus im Karmelitinnenkloster für mich geordnet worden wäre. Und doch war ich diesem Orden und allen seinen Verhältnissen bis zu diesem Tag fremd gewesen. Ich war selig, weil ich Klarheit in Bezug auf das, was Gott von mir verlangte, gefunden hatte, und sah mich dem Ziel jahrelangen Harrens nahe. Und als Zweifel an mich herantraten, ob auch alles Gott gewollt sei, weil ich in jener Zeit äusserster Bedrängnis keinen Priester hatte, der mir Richtschnur im geistlichen Leben gewesen wäre, erkannte ich nach eifrigem Gebet, dass ich Zuflucht zu einem Herrn Franziskaner nehmen sollte, den seine Frömmigkeit noch in späten Jahren eine Pfarrei verlassen hieß, um Gott als einfacher Ordensmann zu dienen.

Dieser Priester sagte mir entschieden, nachdem ich ihm den nötigen Aufschluss in meiner Angelegenheit gegeben hatte, dass alles als von Gott kommend  mich verpflichte, in Treue daran festzuhalten. Er gab mir auch den Rat, offen mit der Frau Generaloberin zu sprechen, wenn sie wegen der Besetzung des Waisenhauses in der Stadt weilen würde. Das konnte ich ja umso leichter tun, weil meine Absicht, den Orden des heiligen Franziskus zu verlassen, offenbar der Wille Gottes war und nicht durch menschliche und kleinliche Beweggründe bedingt wurde.

 Am 23. Februar 1881 sprach ich in meiner Angelegenheit mit der Frau Generaloberin. Sie nahm meine Eröffnung, wenn auch mit Schmerz, so doch mit einer edlen und frommen Gesinnung entgegen, der sich mütterliches Wohlwollen anschloss. Kein Vorwurf, keine Bitterkeit, keine missgestimmte oder lieblose Bemerkung kam mir zu. Sie bedauerte, dass sie mir in letzter Zeit wehgetan hatte, weil ihr vielfach falsch berichtet worden war. Hätte ich nicht die volle Gewissheit gehabt, dass Gott ruft, ich würde den Bitten dieser ehrwürdigen Frau, nicht auszutreten, um all der Güte willen, mit der sie mir begegnete, nachgegeben haben. Auch diesmal konnte ich erfahren, dass die Höhe des Karmels schwer zu erringen sei.

Solange ich lebe, werde ich diese edle Frau als meine geistige Mutter ehren, und werde Gott in Gebet und Opfer bitten, dass Er sie bereichere mit dem Vollmaß seiner Gnade. Vorstehendes, glaube ich, der Wahrheit gemäß dargelegt zu haben. Ich wollte niemanden beschuldigen. Gott war es ja, der so handeln hieß. Noch wollte ich mich beschönigen oder rechtfertigen, sondern ich gebe Gott die Ehre, wenn ich nach vielem Strafwürdigen hie und da auch etwas Gutes übe, das aber bei genauer Durchsicht nicht als ganz rein befunden wird.

Die wohlehrwürdige Frau Oberin des Klosters St. Maria Stern wollte, dass ich ein offenes Wort an Eure bischöfliche Gnaden richte. Ich tat dies hiermit in der Gesinnung von Ehrfurcht und  Vertrauen; und wiederhole meine demütigste Bitte: „Es mögen Eure bischöfliche Gnaden sich würdigen, sobald Gott eine Karmelitin zu sich ruft und ich durch Wahl Aufnahme im Orden vom Berg Karmel finden werde, mir gnädigst die Erlaubnis zum Asutritt aus dem Kloster St. Maria Stern zu erteilen.

In tiefster Ehrfurcht verharrt

 

Eure bischöfliche Gnaden

ehrerbietigst gehorsame

M. Angela Streitel, O.St.F.

 

Würzburg, September 1881

 

Auszug aus einem Brief an Bischof Pankratius von Dinkel, Bischof von Augsburg (September 1881)

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des Regulierten Dritten Ordens des hl. Franz von Assisi

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